Was sich verändert, wenn man dich nicht hört

Im Alltag haben wir uns an die Motorengeräusche gewöhnt. „Warte, luege, lose, laufe“, lernen schon die Kinder. Was aber, wenn man die Autos nicht mehr hört?

Manchmal begegne ich auf der Strasse Raben, die seelenruhig ihr Futter aufsammeln und erst in letzter Sekunde davonfliegen, wenn ich mich mit dem Auto nähere. Seit ich elektrisch unterwegs bin, habe ich den Eindruck, dass die Raben viel länger auf der Strasse verweilen – vermutlich weil ich kaum Lärm mache. Auch Menschen reagieren anders auf meine lautlose Fahrt.

Kürzlich holte ich eine Volleyball-Kollegin fürs Training ab. Als sie einstieg, fragte sie mich: „Ist das ein Tesla? Man hört ja gar nichts.“ Sie entlockte mir ein Schmunzeln und auch ein Bedauern, dass meine ZOE (noch) kein Tesla ist. Zwar hat meine ZOE eine „Fussgängerhupe“ und gibt futuristische Töne von sich, so lange ich unter 30 km/h fahre. Doch deaktiviere ich diese, sobald ich den Motor starte. Die Hupe soll Motorengeräusche imitieren, was aber überhaupt nicht gelingt. Da das fremdartig klingt, wissen die Fussgänger am Ende doch nicht, dass das Geräusch von einem Auto kommt. Die meisten Fussgänger gehen dann unbeirrt weiter, ohne sich umzuschauen. Deshalb bringen diese Fussgängerhupen meiner Meinung nach wenig – wichtiger ist, dass ich als Lenkerin aufmerksamer bin und mich in die Situation der Fussgänger versetze.

Das fällt vor allem in Tiefgaragen auf, wenn ich an anderen Menschen vorbeifahre. Ich bleibe bremsbereit und halte Ausschau nach „Smombies“, die auf ihre Smartphones starren und nicht merken, dass sie mir vors Auto springen. Auch in Wohnquartieren beobachte ich die Umgebung viel bewusster, weil ich nicht davon ausgehen kann, dass mich Kinder, Katzen und andere Mitmenschen hören. Manchmal muss ich einfach geduldig sein. Dann etwa, wenn vor mir eine ältere Dame geht, die mich nicht hört und sowieso keine Möglichkeit hätte, Platz zu machen. Warum also soll ich sie unnötig aufscheuchen und bedrängen? Ich warte und fahre an ihr vorbei, sobald ich ausreichend Abstand halten kann.

In anderen Ländern gibt es bereits Gesetze, die Geräusche von Elektro- und Hybridfahrzeugen fordern. Ist das wirklich nötig – oder wäre es nicht einfach an der Zeit, wieder mehr Acht- und Aufmerksamkeit auf den Strassen zu fordern?

2 Kommentare
  1. Gut beschrieben. Eine Zeit lang habe ich damit geliebäugelt ein Geräuschgenerator nachzubauen. Seit ich weiss, dass dieses System bei jedem Neustart des Fahrzeugs erneut manuell ausgeschaltet werden müsste, geniesse ich es umso mehr den mitten auf der Strasse dahinschlendernden Fussgänger lächelnd hinterherzuschleichen um ihnen damit ihr Vehlverhalten aufzuzeigen. 😉
    Vom Motorradfahren her bin ich schon seit Jahren die Bremsbereitschaft an jeder (auch vortritsberechtigten) Kreuzung gewohnt.

  2. Gut geschrieben und guter Kommentar, als Zweiradfahrer ist man sich gewöhnt, die anderen Verkehrsteilnehmer zu beobachten und ihr Verhalten vorauszusehen. Nach fast zwei Jahren elektrisch auf vier Rädern unterwegs zu sein, bin ich so noch nie in einer brenzlige Situation geraten.

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